Das Tagebuch der Familie Görgülü

"Die Zeit arbeitet sowieso gegen sie", sagte die Rechtsanwältin der Pflegeeltern und des Amtsvormundes in einer der ersten Gerichtsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Naumburg. Sie hatte natürlich recht, denn in den ersten Jahren bauen Kinder vor allem Bindungen zu ihren Bezugspersonen auf. Das Kind erfährt so, ich bin angenommen, gehalten und beschützt. 

Parallel lief ein vom Jugendamt eingeleitetes Adoptionsverfahren, welches in Eile zum Abschluss gebracht werden sollte. Eine erfolgte Adoption hätte dem Vater Kazim Görgülü sein Vaterrecht unwiderruflich genommen. Kazim Görgülü klagte bis zum Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte um sein Vaterrecht. Selbst nach der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte war das Oberlandesgericht nicht zur Korrektur seiner gerügten Beschlüsse bereit.

Hinter den Kulissen arbeiteten verschiedenste Ämter des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, was von einem Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung mit "Staatlicher Kindesraub" überschrieben wurde. Der Vater musste über 50 Gerichtsverfahren durchführen, weil das Oberlandesgericht immer wieder den Beschwerden des Amtsvormundes und der Pflegeeltern gegen die Beschlüsse des Amtsgerichtes und des Bundesverfassungsgerichtes statt gab. Diese Rechtsprechung wurde durch das Bundesverfassungsgericht als willkürlich und nicht mehr nachvollziehbar beschrieben, so dass die Generalstaatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Rechtsbeugung gegen drei Richter des Oberlandesgerichtes einleitete.

Das Land Sachsen-Anhalt konnte sich diese aufwändigen Verfahren leisten, da es von dem Geld der Steuerzahler unendlich schöpfen konnte. Kazim Görgülü musste all diese Verfahren selber finanzieren. 

Es war ein ungleicher Kampf, wie David gegen Goliath. Kazim Görgülü hatte nur eine Chance gegen das Bundesland Sachsen-Anhalt, die Herstellung von Öffentlichkeit zur Schaffung von Transparenz und Solidarität. So wurde der Fall Görgülü nicht nur deutschlandweit bekannt. Die gelungene Zusammenführung der Familie nach jahrelanger Trennung, betrachten wir als Bestätigung unseres Weges in diesem Verfahren. Die Veröffentlichung des Tagebuches war ein wichtiger Baustein. Hier informierten sich nicht nur unsere Leser sondern auch Regierung und Presse über den Verfahrensverlauf.

Dietmar Nikolai Webel